Welt

Die Opposition gibt nicht auf – Ein neuer Protestzyklus in der Türkei

2025-03-30

Autor: Lara

Am Samstag um 14:56 Uhr stellte sich der türkische Oppositionsführer in Istanbul vor eine beeindruckende Menschenmenge, die sich am Marmarameer versammelt hatte. Laut seinen eigenen Aussagen waren es nicht weniger als 2,2 Millionen Menschen, die sich zu dieser Kundgebung versammelt hatten. „Es sind die letzten vier Minuten“, sagte Özgür Özel, Vorsitzender der oppositionellen CHP. Er drohte damit, dass der Boykottaufruf der Opposition auch auf den Nachrichtensender NTV ausgedehnt wird, wenn dieser nicht pünktlich um 15 Uhr mit der Übertragung beginne.

Die Kundgebung fand nur wenige Tage nach der Verhaftung des populären Bürgermeisterkandidaten Ekrem İmamoğlu statt, was große Wellen in der türkischen Gesellschaft schlug. Viele Menschen, die in der Vergangenheit zögerten, sich zu äußern, sind nun auf die Straßen gegangen, überzeugt davon, dass Präsident Erdoğan persönlich für die Festnahme von İmamoğlu verantwortlich ist. Özel sieht es als seine Aufgabe, aus diesen Protesten eine fortdauernde Bewegung zu formen.

Die aktuellen Proteste könnten mit den massiven Demonstrationen im Gezi-Park im Jahr 2013 verglichen werden, jedoch sind jetzt auch viele Menschen auf der Straße, die sich nicht als klassisch linke Protestierende identifizieren. Der Präsident und seine Regierung scheinen von der Stärke der Reaktion überrascht zu sein und hoffen auf ein Abrutschen der Protestwelle, bis ebenfalls 2028 Wahlen stattfinden sollen. Doch Özel zeigt sich fest entschlossen, diesen Plan zu durchkreuzen. Er fordert die Menschen dazu auf, den Ausnahmezustand aufrechtzuerhalten, bis İmamoğlu wieder in Freiheit ist.

Die Opposition plant eine umfassende Boykottkampagne gegen NTV und andere regierungsfreundliche Kanäle, die die Demonstration ignoriert haben. Unternehmen, die mit NTV verbunden sind, stehen ebenso auf der Boykottliste der Opposition, darunter auch große Marken wie Volkswagen und Audi, deren Vertriebspartner in der Türkei zur Dogus Holding gehört – dem Eigentümer von NTV.

Die CHP ist überzeugt, dass Boykotte eine nachhaltigere Form des Protests darstellen als kurzfristige Demonstrationen. Mit wirtschaftlichem Druck glaubt man, Erdoğan weiter unter Druck setzen zu können, insbesondere nach den vergangenen Kommunalwahlen, die seine Partei aufgrund der Wirtschaftskrise verloren hat. Boykottaufrufe und die politische Instabilität könnten potenzielle Investoren abschrecken.

Um das Engagement der Anhänger zu stärken, kündigte Özel an, dass die CHP ab sofort zweimal wöchentlich Großveranstaltungen durchführen wird. Diese finden mittwochs in wechselnden Vierteln Istanbuls und samstags in anderen Städten statt. Zudem hat die Partei eine Unterschriftensammlung für die Freilassung von İmamoğlu sowie für Neuwahlen gestartet, um den Druck auf die Regierung aufrechtzuerhalten.

Die kürzlichen Feiertage zum Zuckerfest beeinflussen nicht die Proteste – im Gegenteil, viele Menschen nutzen diese Gelegenheit, um zu demonstrieren. Während Erdoğan versuchte, die Feiertage auszudehnen, haben ihn die Bürger mit kritischen Äußerungen in den sozialen Medien konfrontiert. Eine Umfrage zeigt, dass 73 Prozent der Bevölkerung die Proteste für gerechtfertigt halten.

Die öffentliche Stimmung gegen Erdoğan bleibt angespannt, und die Opposition sieht eine wachsende Unterstützung in der Bevölkerung. Die kommenden Wochen könnten entscheidend dafür sein, ob die Proteste an Intensität gewinnen oder ob die Regierung in der Lage ist, die Situation unter Kontrolle zu halten. Die Türken sind bereit zu zeigen, dass sie für ihre Rechte und die Freiheit ihrer Stimmen kämpfen werden.