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Türkei: Das NATO-Mitglied verfolgt eine bemerkenswerte Diplomatie gegenüber China und Russland

2025-04-02

Autor: Laura

Die Türkei balanciert äußerst geschickt zwischen den westlichen Allianzen und neuen Partnerschaften im Osten. Während sie weiterhin Mitglied des NATO-Bündnisses ist, zeigt sie wachsendes Interesse daran, den BRICS-Staaten, angeführt von China und Russland, beizutreten. Präsident Recep Tayyip Erdogan beschreibt diese Strategie als "Außenpolitik der 360 Grad" – ein Hinweis darauf, dass die Türkei in allen Richtungen aktiv ist.

"Unter Erdogan betrachtet sich die Türkei als eigenständige Regionalmacht, die trotz ihrer westlichen Allianzen außenpolitisch ungebunden ist", erklärt Thomas Seibert, ein Journalist mit über 20 Jahren Erfahrung in der Türkei.

Die türkische Militärmacht

Dieses Selbstbewusstsein resultiert aus verschiedenen Faktoren. Die Türkei hat das zweitstärkste Militär innerhalb der NATO und ist durch zahlreiche militärische Einsätze in den letzten Jahren erfahrener geworden. Auch die Rüstungsausgaben wurden unter Erdogan kontinuierlich erhöht, was dem Land mehr Einfluss in der Region verleiht. "Die neue syrische Regierung steht unter türkischem Einfluss", so Seibert.

Die Wahrnehmung der türkischen Bevölkerung hat sich unter diesem Druck ebenfalls gewandelt. "Die Menschen haben ihr Land traditionell als arm und schwach angesehen. Erdogan möchte ihnen mit seiner Außenpolitik zeigen: ‚Die Türkei ist nicht mehr arm und schwach. Sie ist groß und mächtig.‘"

Anders als in der Innenpolitik, wo mindestens die Hälfte der Bevölkerung die Regierung kritisch sieht, hat Erdogan in der Außenpolitik weitestgehend Rückhalt, erklärt Seibert.

Chancen in der aktuellen globalen Situation

Ein herausragendes Beispiel für die komplexe Haltung der Türkei ist ihr Verhältnis zu Russland. Im Gegensatz zu anderen Ländern hat sich Ankara den westlichen Sanktionen wegen des Ukrainekrieges nicht angeschlossen. Neulich äußerte sich die türkische Regierung jedoch offen für eine mögliche Teilnahme an einer Friedensmission in der Ukraine, die von Frankreich und Großbritannien vorgeschlagen wurde.

Diese geopolitischen Umwälzungen kommen der Türkei zugute. "Der Streit zwischen Europa und den USA gibt der Türkei Auftrieb. Erdogan hat rasch erkannt, dass diese Spannungen neue Chancen für die Türkei schaffen können", so Seibert.

Erdogan und die multipolare Weltordnung

Trotz der Annäherung an China und Russland wird vermutet, dass Erdogan die westlichen Allianzen nicht aufgeben will. "In einer geopolitisch herausfordernden Nachbarschaft, mit Russland im Norden und dem Iran im Osten, bleibt der US-Atomschirm für die Türkei von großer Bedeutung", so Seibert. Darüber hinaus ist die EU nach wie vor der größte Handelspartner der Türkei. Erdoğan strebt in der Beziehung zu Brüssel vor allem Erleichterungen an – wie etwa eine zeitsparende Visavergabe für Türkinnen und Türken.

Die Inhaftierung von Ekrem İmamoğlu, dem Stadtpräsidenten von Istanbul, hätte diese Beziehungen möglicherweise belasten können. Dennoch waren die Reaktionen aus Europa bisher eher zurückhaltend.

"Der Westen möchte Erdogan nicht verärgern", sagt Thomas Seibert, "da die Türkei eine entscheidende Rolle bei der Bewältigung der Migrationskrise spielt. Die Türkei hält Europa die Flüchtlinge fern", erklärt er pointiert. Recep Tayyip Erdogan könnte sich durch diese Dynamik gestärkt fühlen, oder wie Seibert es ausdrückt: "Erdogan ist überzeugt, dass der Westen im 21. Jahrhundert im Abwärtstrend ist."

Das Spannungsfeld, in dem sich die Türkei bewegt, könnte sie zu einem zunehmend wichtigen Akteur auf der weltpolitischen Bühne machen und ihre Position zwischen den Großmächten weiter festigen.