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Kaiseraugst: 50 Jahre seit der Besetzung auf dem geplanten Kernkraftwerk-Areal

2025-03-29

Autor: Gabriel

In Kaiseraugst, einem kleinen Ort im Kanton Aargau, erinnert man sich nicht nur an die malerische Landschaft, sondern vor allem an die denkwürdigen Ereignisse, die vor genau 50 Jahren stattfanden. Geplant war der Bau eines Atomkraftwerks, doch die lokale Bevölkerung stellte sich entschieden dagegen. Ihr vehementer Widerstand verwandelte sich in eine relevante politische Bewegung, die Generationen bis heute geprägt hat.

Im April 1975, genauer gesagt am 1. April, erlebte die Protestbewegung einen spektakulären Höhepunkt. Tausende Aktivistinnen und Aktivisten versammelten sich auf dem besetzten Gelände, inmitten von Schlamm und überfüllten Holzbaracken. Mit sensationellen Plakaten wie „Der Wahn ist kurz, die Reue ist lang“ und „Keine Politik über die Köpfe des Volkes“ drückten sie ihrer Ablehnung Ausdruck aus. Ihre Forderung war klar: sofortiger Baustopp und ein Mitspracherecht für die betroffene Bevölkerung.

Anita Fetz, Strategieberaterin und ehemalige Nationalrätin der Sozialdemokratischen Partei, war eine der führenden Stimmen dieser Bewegung. Bei einem Treffen mit Lukas Ott, einem Stadtentwickler und ehemaligem Präsidenten der Grünen in Liestal, reflektierten sie über die Auswirkungen dieser Zeit. Fetz, damals 18 Jahre alt, erinnert sich an die ungemütlichen Tage im Zeltlager, als sie dort schlief und protestierte. „Es war alles andere als romantisch – Matsche, Kälte und Nässe prägten die Nächte“, erzählt sie. Dennoch war dieser Zeitraum für viele eine prägende Erfahrung, die sie in ihren zukünftigen politischen Engagements begleitete.

Lukas Ott, der zu diesem Zeitpunkt erst neun Jahre alt war, konnte das Geschehen aus einem anderen Blickwinkel betrachten. Er beobachtete, wie seine Familie aktiv an den Protesten teilnahm und von den spannenden Diskussionen um das AKW begeistert war. In Erinnerungen schwelgend, sagt er: „Es war für mich ein erstes politisches Erw awakening, das mich bis heute prägt.“

Die Situation eskalierte, als im Jahr 1973 das Bundesgericht die Klage der Stadt Basel und der umliegenden Gemeinden ablehnte. Dies führte zur Gründung der „Gewaltfreien Aktion Kaiseraugst“ (GAK) durch Jungsozialisten und Umweltaktivisten, die begannen, das Baugelände symbolisch zu besetzen. Im Frühling 1975 wurden die ersten Bauarbeiten angestoßen, doch die Aktivisten schafften es durch Blockaden und fortwährendes Engagement, die Bagger vom Bau abzuhalten.

Die Unterstützung der Eltern war immens; Shuttlebusse wurden organisiert, um die protestierenden Schüler nach Kaiseraugst zu bringen. Nach 11 Wochen der Besetzung, in denen kein Fußbreit dem Baubeginn überlassen wurde, räumten die Aktivisten im Juni 1975 das Gelände freiwillig, nachdem der Bundesrat ihnen Verhandlungen und vorübergehenden Baustopp zusicherte.

Ein grundlegender Umbruch in der Politik war das Resultat dieser Bewegung. Anita Fetz und ihre Mitstreiter kämpften nicht nur gegen Kernenergie, sondern warfen auch grundlegende Fragen der Partizipation und lokalen Demokratie auf. Ihr Engagement trug dazu bei, dass der Bau des AKW nie durchgeführt wurde – ein Sieg, der vor allem nach der nuklearen Katastrophe von Tschernobyl und anderen Umweltskandalen an Bedeutung gewann.

In 1988 war Kaiseraugst offiziell kernkraftfrei, und Anita Fetz hielt die „Leichenrede zur Beerdigung des AKW Kaiseraugst“. Ihre ständigen Kämpfe für Gerechtigkeit verliefen nicht spurlos und wurden Teil einer umfassenderen Debatte über die Rolle von Bürgerbeteiligung in der Politik. Heute können wir vielleicht sogar sagen, dass der gewaltfreie Widerstand in Kaiseraugst den Weg für die heutige politische Landschaft geebnet hat, in der Umweltfragen zentrale Bedeutung erlangt haben.

Zum 50. Jahrestag dieser historischen Besetzung blicken wir nicht nur zurück auf eine prägende Zeit, sondern erinnern uns daran, dass engagierte Bürgerinnen und Bürger entscheidend dazu beitragen können, mit ihrem Mut und ihrer Entschlossenheit gesellschaftliche Veränderungen herbeizuführen. Angesichts aktueller Herausforderungen, von der Klimakrise bis hin zu sozialen Gerechtigkeitsfragen, sind die Lehren aus Kaiseraugst aktueller denn je.